Slow-Sewing statt Fastfood-Nähen

Moin,

heute geht es neben dem Vorstellen meines neuen Outfits um ein Thema, dass mich seit einiger Zeit beschäftigt. Und zwar habe ich bereits vor 2-3 Jahren beschlossen, nicht mehr wahllos zu konsumieren und das auch gut in mein Leben integriert. Vieles davon hat bereits einen langen Bart, weil es so in den Medien thematisiert bzw zum Trend geworden ist. Nicht falsch verstehen, ich finde nur so kann man etwas ändern, wenn alle mitmachen und umstellen im Kleinen. Aber leider sind diese Trendwellen nicht von Dauer. Bei mir gibt es keine Shopping-Touren oder kurzlebige Trendkäufe. Bei der Kleidung, die ich kaufe, achte ich auf Qualität und soweit es nachvollziehbar ist auf Herkunft/Herstellung.

Im Bereich Lebensmittel achte ich schon seit Jahren darauf, ebenso bei Kosmetik und Pflege. Das hatte auch viel mit Unverträglichkeiten und Allergien zu tun, wenn man eben viele Produkte nicht verwenden kann, weil alles voll mit Chemie und Duftstoffen ist. Aufgrund dessen habe ich mich auch mit dem Thema "Ethik im Lebensmittelbereich", den übermäßigen Fleischkonsum, ect beschäftigt und mein Verhalten hinterfragt. Das hat natürlich einige ernährungstechnische Umstellungen gekostet, denn Fleisch gab es fast täglich. Meine Mahlzeiten, Rezepte und mein Einkaufverhalten war so eingefahren, dass ich dachte, was zur Hölle soll ich essen, um satt zu werden. Ja hört sich dämlich an, war aber echt ein Kampf. Zuerst habe ich einfach auf Bio umgestellt, was natürlich zu immensen monatlichen Kosten geführt hat. Also mussten neue Rezepte und Einkaufspläne her, mittlerweile klappt es super 1-2 mal in der Woche reicht vollkommen und ja ich werde satt. Warum schreib ich das? Erkläre ich Euch ...

Ich habe also umgestellt und kaufe Kleidung eigentlich nur in Ausnahmefällen. Ich nähe für mich und den Lütten. Soweit ganz gut, denn ich weiß woher die Kleidung kommt und kenne den Wert. Allerdings habe ich, ebenso wie ich es täglich in der Näh-Szene in Blogs und Gruppen bei anderen sehe, viel an Probenähen teilgenommen oder erstelle selbst Schnitte. Das bedeutet in jedem Probenähen nicht nur ein Teil zu nähen, sondern meistens 2-3. In meinen eigenen Nähen manchmal 5 Teile bis der Schnitt final steht. Man hat den ganzen Schrank voll mit Klamotten und zwar definitiv mehr als man benötigt und nicht immer gefällt einem der Schnitt, sondern man möchte teilweise für den einen bekannten Schnittersteller nähen und erhofft sich mehr Leser für den eignen Blog oder Fan-Seite. Andererseits macht es Spaß im Team gemeinsam einen neuen Schnitt zu erarbeiten und natürlich will man seinen Blog mit Inhalt füllen und den Follower interessanten Inhalt bieten und neue Schnitte zeigen. Nehmen wir Blog XY, der zeigt wöchentlich 3 Teile. Würdet Ihr denn jede Woche 3 neuen Kleidungsstücke kaufen? Dann kommt noch der Materialverbrauch, da brauchen wir uns nichts vormachen. Jeder weiß was der Meter Stoff kostet und die passenden Kurzwaren, Aufnäher, Bänder, Garn, Reißverschlüsse, ... Ich nehme mich da gar nicht raus, ich habe es genauso gehandhabt. Immer mehr Probenähen, immer mehr Stoff kaufen. Wieder ein neues Design, das einem gefällt und zack ... hat man einen kleinen Stoffladen bei sich zu Hause. Ich habe es immer gerechtfertigt damit, dass es schließlich mein Beruf ist. Aber gerade deshalb ist mir aufgefallen, dass ich etwas ändern muss und will. Ich habe hier Nähzutaten für Projekte liegen, da weiß ich nicht mal mehr, was ich vorhatte zu nähen. Täglich diese Reizüberflutung mit den 1000... Hoodie von Nähseiten in Gruppen und die schockverliebten in den neuen T-Shirt Schnitt oder ins Stoffdesign, Massenproduktion von eben mal von der Maschine gehüpften Teilen. Für mich hat das keinen Mehrwert, denn aussagekräftige ehrliche Informationen, ob der Schnitt oder Stoff etwas taugt, bekommt man nicht. Ich möchte in meinem Blog meine ehrliche Meinung über einen Schnitt oder einen Stoff schreiben. Ganz ehrlich "Schluß damit" ich kann mir das einfach nicht mehr anschauen. Es geht so viel dadurch verloren, besonders die Wertigkeit des Handwerks. Die Detailverliebtheit, das genaue Arbeiten, die Handarbeit, den Stolz den man hat, wenn so ein Masterpiece nach Wochen fertig ist. Glaub mir, so ein Teil das trägst du mit Sicherheit anders als den XXXX-Hoodie. In den Nähgruppen graut es mir, dass anscheinend alles mit der Ovi zusammen getackert wird, Stoffe vom Discounter-Möbelhaus für 4€ in Massen gekauft werden, Materialkunde und auch Nähwissen leider wenig vorhanden sind, Bügeln ist ein Fremdwort. Ich weiß, jeder hat mal angefangen und ich unterstütze und ermutige jeden, der gerne Nähen möchte. Nur muss sich die Sichtweise verändern, hin zum achtsamen Nähen. Es macht keinen Sinn sich hinzustellen und laut zu rufen "ich konsumieren nicht mehr wahllos, ich nähe meine Kleidung" oder "I made my clothes". Denn ganz ehrlich, dass ist teilweise genauso eine wahlloses Konsumverhalten, wie jede Woche Shoppen zu gehen. Deshalb möchte ich etwas ändern, hin zum "SlowSewing". Wirklich nur das zu Nähen, was man benötigt. Sich Zeit für jedes Nähstück nehmen und es genau an seinen persönlichen Stil anpassen. Qualitätsstoffe kaufen und schauen, steht mir dieser Stoff, passt er zu meinem Stil und zum Rest meiner Kleidung. Schnittmuster für meinen Typ wählen und ggf ändern/anpassen. Jedes Nähstück soll genau zu Dir passen und mit Zeit und Ruhe genäht werden. Beim Nähen geht es um die Handwerkskunst, deine Kreativität, etwas individuelles, besonderes zu schaffen. Das heißt nicht, dass ich nur noch mega anspruchsvolle Nähstücke nähen werde, natürlich braucht an auch ein paar neue schlichte Shirts, aber mit einem ehrlicheren Blick. Und jeder der es bis hierhin geschafft hat, dem erzähle ich meine ehrliche und freie Meinung über mein neues Outfit. Nichts ist mir von der Maschine gehüpft, sondern der Nahttrenner und ich sind nun dicke Freunde. Begonnen habe ich mit meiner Jacke/Blouson "Marrakesch" von Pech&Schwefel. Jetzt werden findige Follower sagen, Simone ist im Stammteam von Ricarda ... ja das stimmt. Aber anders als bei anderen Schnitterstellern, sollen wir nur das Nähen wozu wir Lust/Zeit haben, was uns gefällt und sind absolut frei in unserem Feedback. Also zum Blouson, zuerst habe ich eine Probejacke aus Jeans genäht, um zu schauen wie er ausfällt und ob ich ihn eine Nummer weiter nähen muss, weil ich ihn komplett mit Futter nähen wollte. In der Anleitung ist ein Beleg vorgesehen, dann könnt Ihr natürlich laut Maßtabelle nähen. Mit Futter eine Größe weiter wählen. Er fällt locker und einen Pulli bekommt ihr locker drunter. Mir gefällt der Schnitt echt gut, ich habe ihn etwas gekürzt (1,60cm Körpergröße) und den Reißverschluss angepasst. Das einzige was mir persönlich fehlt, ist die Futter-Version. Wenn Ihr allerdings schon etwas näh-erfahren seid, dann ist es kein Problem. Einfach Vorteile des Blousons und die Rückenteile ohne Taschen im Futterstoff zusätzliche zuschneiden. Als Oberstoff habe ich einen ganz tollen Samtstoff von Stoff&Stil verwendet mit dezentem Ornament-Mandala Design. Ein Traumstoff aber zugleich auch Alptraumstoff beim Zuschneiden und Vernähen. Ich habe wirklich stundenlang die Schnittteile auf dem Stoff hin und hergeschoben, bis der Nähmonk in mir zufrieden war. Den Reißverschluss und die Rückenpasse habe ich per Hand festgesteppt, damit auch alles schön passt. Denn was würde ich mich ärgern, wenn das Muster nicht stimmig ist. Am Halsausschnitt und in den Mittelnähte des VT habe ich eine Fakepaspel eingenäht, ich liebe solche Details. Schnitt: Marrakesch von P&SStoff: Stoff&Stil



Dann hab ich mir schon lange eine richtig coole Cordhose gewünscht. Am Besten mit geradem Bein oder leicht ausgestellt, die 70ziger lassen Grüßen, aber ich bin eben ein Blumenmädchen.Nach längerer Suche bin ich auf den Schnitt "Gwen" von Schnittmuster Berlin gestoßen. In Ihrem Onlineshop gibt es den Schnitt nur als Papierschnittmuster, aber das kommt mir ganz gelegen. Ich mag dieses kleben eh nicht und bevorzuge entweder A0 Dateien oder Papierschnittmuster.Nach 4 Tagen hatte ich den Schnitt zu Hause und konnte loslegen. Der Schnitt ist gut ausgearbeitet, da sieht man, dass zwei gelernte Köpfe hinter dem Label stecken. Einziger Nachteil, die Nähanleitung besteht aus einer halben A4-Seite. Für Näherinnen mit geringeren Näherfahrungen leider schwierig. Auf der Blogseite findet sich allerdings eine bebilderte Anleitung einer anderen, ähnlichen Hose. Stoff hatte ich passend zur Jacke bei Stoff&Stil besorgt, einen feinen Cordstoff in altrose. Im Eifer des Gefechts habe ich ganz vergessen die Hose anzupassen, dann kam der Nahttrenner zum Einsatz. Was auch etwas Positives hatte, denn so habe ich die seitlichen Einsätze in der Vorderhose noch mit Spitze verziert. Den Knopf habe ich auch mit Cord bezogen. Schnitt: Gwen von Schnittmuster BerlinStoff: Cord von Stoff& Stil, Spitze von die Komplizin



Und um das Outfit zu komplementieren, habe ich mir aus dem restlichen Futterstoff noch ein Oberteil genäht. Diesmal nach dem Schnitt "Florenz" von P&S. Eigentlich ist der Schnitt auf Viskosejersey (und andere elastische Materialien) ausgelegt, aber wenn man eine Nummer weiter näht, könnte es auch aus Webware gehen. Gesagt getan, einfach mal testen. Der Schnitt fällt locker, somit war es wirklich kein Problem. Und ich finde er fällt so toll aus dem Futterstoff alias Viskose-Baumwoll Webware mit Minianteil an Elastan. Leider war für die Ärmel nicht mehr genug Stoff übrig, deshalb gibt es eine abgewandelte Version. Das Spitzenband als Einsatz ist auch von Stoff&Stil ( ja einer meiner Lieblingsläden, ich bin sogar so verrückt und fahr bis nach Kopenhagen in das Hauptlager). Bei den flutschigen Stoff ist das Kräuseln nicht so einfach, deshalb verwende ich gerne Framilon. Schnitt: Florenz von P&SStoff: Stoff&Stil



Ich hoffe, es gefällt Euch genauso gut wie mir. Vielleicht konnte ich einen kleinen Denkanstoß geben und Ihr habt Lust gemeinsam mit mir SlowSewing umzusetzen. Mich interessiert auch Eure Meinung zu den Themen, Ihr könnt mir gerne einen Kommentar hinterlassen. Nun freue ich mich auf die tollen Beiträge beim RUMS. Alles Liebe eure Lotta

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